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Binationale Partnerschaften - zwei Welten unter einem Dach

Vor 25 Jahren nahm die Internationale Familienberatung, damals bekannt als Psychologischer Dienst für Familien aus Spanien und Italien, seine Arbeit auf. Der Kern unserer Arbeit war, Gastarbeitern bzw. Familien aus Spanien und Italien zu helfen, sich in der deutschen Gesellschaft zurecht zu finden. Am Ende der 80er Jahre hat unsere Arbeit eine Wandlung erfahren. Seitdem kommen immer häufiger Ratsuchende aus anderen Ländern zu uns, die in bi-nationalen Partnerschaften leben. Aus diesem Grunde hat unsere Beratung die Herausforderung angenommen, auch Migranten anderer Herkunft beizustehen und psychologische Hilfe zu leisten, wenn interkulturelle Konflikte in der Partnerschaft auftreten.

 

Schwerpunkt unserer Arbeit ist, interkulturelle Aspekte ausdrücklich in die Beratungssituation einzubeziehen, und gleichzeitig die sich durch Migration und Grenzüberschreitung ergebende Dynamik zu erfassen.

 

Aspekte, Konflikte, und deren Ursachen in bi-nationalen Partnerschaften:

 

In Deutschland entscheiden sich mehr deutsche Männer als Frauen für eine Ehe mit einem ausländischen Partner. Im Jahr 2002 heirateten ca 36.000 Männer eine ausländische Frau. während sich ca. 26.000  deutsche Frazuen für ein gemischt nationale Partnerschaft entschieden. Bei den Männern sind häufig Frauen aus Polen  die Partenerin, Frauen heiraten meistens Türken (die in deutschland die größte Gruppe ausländischer Mitbürger darstellen).

Zugleich gibt es binationale Partnerschaften mit Partnern aus je anderen Herkunftsländern, die in Deutschland leben. Hier treffen sich dann in einer Familie drei Kulturen.

Interkulturelle Beratung ist notwendig, weil das Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen spezifische Aspekte beinhaltet. Die Tatsache, dass die Partner aus verschiedenen Kulturen stammen, bedeutet nicht, dass sie keine Gemeinsamkeiten haben und sich als Lebenspartner nicht gut ergänzen können. Dennoch kann man sagen, dass sich gerade aufgrund soziokultureller Unterschiede einerseits viele reizvolle anziehende und bereichernde Elemente ergeben, andererseits daraus spezifische Konstellationen entstehen:

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Der ausländische Partner wird als fremd erlebt, was neugierig macht, geheimnisvoll und exotisch wirkt.

Persönliche Probleme im affektiven und sexuellen Bereich versucht man häufig durch diesen exotischen Reiz auszumerzen, was sich aber auf lange Sicht als Trugschluss erweist.

Die gegenseitigen Traumvorstellungen der beiden Partner, auf der einen Seite des deutschen Partners, der durch den exotischen Reiz versucht, seine emotionalen und sexuellen Probleme auszumerzen, auf der anderen Seite der ausländischen Partnerin, durch ein Leben ohne wirtschaftliche Nöte und des Prestiges eines ausländischen Partners in einem Paradies ohne Schwierigkeiten zu leben und dadurch alle Problemen in ihrem Leben zu lösen, werden enttäuscht, sobald sie mit dem Alltag konfrontiert werden.

Wertvorstellungen, Lebensplanung, verzichtbare und unverzichtbare Gewohnheiten werden im Alltagsleben wichtiger und deutlicher.

Die Unkenntnis des anderen und seiner Kultur gibt mehr Spielraum für Phantasie und Idealisierung. Im Nachhinein stellt man fest, dass die Realität diesen Idealvorstellungen aber nicht entspricht.

Man fühlt sich irritiert, verunsichert oder verängstigt durch die Andersartigkeit und fängt an, seine eigenen bislang sicheren Bewertungsmaßstäbe in Frage zu stellen oder zu erleben, dass die eigenen in Frage gestellt werden.

Die verschiedene kulturelle Prägung zweier Menschen führt im Zusammenleben häufig zu Missverständnissen, die ihrerseits Kränkungen verursachen.

Viele Männer und Frauen aus südeuropäischen und lateinamerikanischen Ländern haben hinsichtlich der Rolle der Frau bzw. des Mannes stereotype Wertvorstellungen, die nicht derjenigen der deutschen Kultur entsprechen. Sie werden dadurch gezwungen, eine Veränderung durchzumachen, um sich an diese Gesellschaft anzupassen. Dies geschieht nicht problemlos. Es erfordert die Aufgabe eigener Wertvorstellungen und eine gewisse Zeit und Bereitschaft, den Sinn der Werte des Aufnahmelandes zu verstehen, um die jeweiligen Lebensmuster neu zu gestalten.

Die ausländischen Partner verfügen häufig über zu geringe sprachliche Kompetenz, um ihre emotionalen Bedürfnisse in der deutschen Sprache mitzuteilen. Dieses sprachliche Defizit wird bei bi-kulturellen Partnerschaften unterschiedlich gelöst. Entweder übernimmt ein Partner die Sprache des anderen und verzichtet dabei auf seine Muttersprache, oder beide Partner versuchen in einer Mischform zu kommunizieren, auch in Form von Mimik, Gestik, usw.

Bei bi-kulturellen Beziehungen mit einem deutschen Partner fällt es dem ausländischen Partner oft sehr schwer, sich an die deutsche Gesellschaft anzupassen, weil aus der Trennung von der Familie und vom Freundeskreis ein Isolationsgefühl in der neuen Gesellschaft, die sich ihm als feindlich erweist, resultiert. Der deutsche Partner hingegen fühlt sich häufig überfordert mit der Abhängigkeit des ausländischen Partners.

Die ständige Auseinandersetzung mit der Andersartigkeit der Wertvorstellung des Aufnahmelandes, die mangelnden sprachlichen Fähigkeiten, Konflikte im Alltagsleben u.a. führen zu einer emotionalen Überlastung. Dies führt oft zu einer Rückbesinnung und einen Rückzug auf althergebrachte Werte.

Der Rückzug auf althergebrachte Werte führt wiederum zu zusätzlichen Problemen bei der Kindererziehung und damit zu Konflikten in der Partnerschaft.

Häufig kommt es in Ehen mit ausländischen Partnern zu zusätzlichen Problemen durch Kinder oder Familienangehörige im Herkunftsland. Einerseits können bei dem ausländischen Partner, der seine Kinder in der Heimat gelassen hat, starke Schuldgefühle auftauchen, andererseits kann der deutsche Partner unter dem Gefühl finanzieller Überlastung und Ausnutzung leiden.

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Wir sehen in der Tatsache der kulturellen Unterschiedlichkeit der Partner eine potentielle Quelle für Missverständnisse und Kränkungen, die zu Kommunikationsstörungen, auch zu neurotischen Störungen führen können. Auch im sozial-politischen Rahmen sind häufig belastende bis krankmachende Elemente stark vorhanden, wie z.B. ausländerrechtliche Bestimmungen, Diskriminierungen.

 

Arbeitsweise bei der Beratung

 

Zu Beginn der Beratung werden Informationen gesammelt. Dabei stellen sich die Partner vor und schildern die Schwierigkeiten in der Beziehung. Nach der Problemschilderung fragen wir nach weiteren wichtig erscheinenden Informationen, z.B. seit wann ist die Partnerschaft problematisch? Wie werden Konflikte normalerweise gelöst? Wie häufig kommt es zu Streit?

 

Die Information über die Herkunftsfamilie ist ein wichtiger Aspekt der Beratung. Die in der Herkunftsfamilie erlernten Beziehungsmuster können als Ausdruck familiärer, kultureller, wirtschaftlicher und psychologischer Prozesse angesehen werden, die zusammen auf den einzelnen Menschen einwirken.

 

 

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Gesprächsbereitschaft und Engagement von beiden Partnern

Betonung des Hier und Jetzt und nicht immer alte, negative Erfahrungen in Erinnerung rufen

Fehlerquellen und entsprechende Alternativen für den Umgang miteinander aufzeigen

die Ressourcen, die dem Partner zur Verfügung stehen, z.B. die Fähigkeit zuzuhören, Wünsche und Forderungen anzumelden und über das Gespräch Konflikte zu lösen, der anderen Seite zu verdeutlichen

Devise: Erst neue Verhaltens- und Kommunikationsmuster ausprobieren, dann beurteilen.

Der Berater hat unter anderem die Aufgabe, dem Paar gewisse Verhaltensgrundbegriffe in ihrem Sprachstil zunächst zu verdeutlichen und ihnen dadurch schließlich ein neues Denkschema zu vermitteln, mit dem sie an die Konflikte besser herantreten können.

Entscheidet sich der Partner für eine Aussprache, so sollte er darauf achten, diese mit "ich" zu beginnen und damit eigene Gefühle oder Gedanken anzusprechen.

Das Paar bekommt sog. Hausaufgaben; z.B. sollen beide Partner ihr eigenes Verhalten in Alltagsituationen beobachten und gegebenenfalls in der nächsten Sitzung darüber berichten.

Die Partner lernen, sich gegenseitig nach ihren Bedürfnissen, Wünschen, Erwartungen und Ansprüchen zu befragen bzw. diese dem Partner mitzuteilen. Der angesprochene sollte die Bedürfnisse, egal ob diese realisierbar sind oder nicht, sehr konkret und detailliert formulieren, anschließend paraphrasiert der Zuhörer das Gesagte und äußert darauf seine Wünsche.

Die Themen für die Konfliktgespräche werden der anfangs erstellten Problemliste entnommen, wobei zunächst die Bereiche, die die geringsten Konflikte auslösen, behandelt werden, später dann die besonderes konfliktreichen Bereichen.

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Ziele der Beratung

 

Ziel der Beratung ist es, das Paar zu befähigen, einander positiv zu verstärken, Verhaltensänderungen zu verbalisieren und durchzuführen, Verantwortung für sich selbst und für die Partnerschaft zu übernehmen. Dabei beabsichtigen wir, beiden Menschen zu helfen und sooft wie möglich die Partnerschaft zu retten. Doch das gelingt uns leider nicht in jedem Fall. Oft stellen beide oder ein Partner nach der Beratung fest, dass die Beziehung für ihn bereits abgeschlossen ist und die Wunden unheilbar sind. Eigenverantwortung beinhaltet, auch eine bewusste Entscheidung für oder gegen das Zusammenbleiben zu treffen.

 

Nicht nur die Probleme, welche die Ratsuchenden zu uns bringen, sind Thema unserer Beratung. Vielmehr versuchen wir auch, gemeinsam mit Ihnen herauszufinden, welche Bereicherung die bi-kulturelle Beziehung gebracht hat. Die Synthese zwischen den beiden Kulturen, in der Beziehung und in sich selbst, ist zumindest ansatzweise bei allen Paaren vorhanden. Sie fordert von jedem Partner Neugierde, Risikobereitschaft und Offenheit.

 

Die Ermutigung zur Weiterentwicklung einer solchen Synthese, die eine bi-nationale Identität entwickelt, ist ein wesentlicher Aspekt unserer Beratung.

 

Aber auch die Hilfe für jeden Partner, mit dem eigenen Leben besser zurecht zu kommen, zeigt uns, dass unsere Arbeit sinnvoll ist.

 

Antonio Santillan, Dipl.-Psychologe

Internationale Familienberatung Köln

E-Mail: ifb.koeln@caritas-koeln.de