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"Seelenkratzer" - Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen

Nadine (14 Jahre) ist ein Mädchen das sich schneidet. Lange Jahre hatte sie ein (traumatisches) Ereignis verdrängt. Dann wächst der innere Druck durch eine aktuelle belastende Situation so stark, wird unerträglich, "sie hat das Gefühl zu platzen." In dieser Situation schneidet sie sich in der Küche aus versehen an einem Messer. "Zuerst bin ich total erschrocken, weil es so stark geblutet hat, aber ich habe gemerkt, dass es mir Erleichterung verschafft, dass die Spannung nachlässt. Deshalb schneide ich immer wieder", erzählt sie und zeigt dabei ihre Unterarme. "Bin ich jetzt verrückt?" Das Messer nehme ich auch mit zur Schule, "für den Notfall". Sie weiß, danach geht es ihr erst einmal besser.

 

Bei 10% der Jugendlichen die im Berichtsjahr beraten wurden, war der Anmeldegrund Schnippeln, Ritzen und Kratzen. In der Regel sind es Mädchen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren.

 

Besorgte Eltern, Freundinnen und Pädagogen in der Schule und im Freizeitbereich, stehen diesem Phänomen meist hilflos, schockiert gegenüber. "Wieso verletzen sich diese Mädchen selbst?" Früher haben sie sich den Kopf kahl geschoren, tätowiert. Ist Ritzen heute der neue Modetrend?"

 

"Man sollte das alles nicht so ernst nehmen, die wollen doch nur auf sich aufmerksam machen", auch diese Stimmen bekommen die Beraterinnen und Berater zu hören. Unsere Hilfe brauchen vor allem die Jugendlichen, deren selbstverletzendes Verhalten nicht gesehen wird, aber die körperlichen Verletzungen kaum zu übersehen sind. Oft wissen nicht einmal die nächsten Angehörigen von den "verborgenen" Problemen.

 

Was bedeutet es, wenn Jugendliche sich Hautschnitte auf ihren Armen oder Beinen zufügen, wenn sie sich ritzen, schneiden, mit Nadeln stechen? Wollen sie ihre Umgebung schockieren oder sich interessant machen oder handelt es sich dabei nur um eine Mutprobe (Aufnahmeritual)?

 

Untersuchungen weisen darauf hin, dass Jugendliche mit diesen Verletzungstendenzen versuchen, eine tiefe seelische Verzweiflung durch Schädigung ihres Körpers zu kompensieren. Sie suchen Erleichterung von seelischen Schmerzen, indem sie sich körperlichen Schmerz zufügen. Jede Verwundung ist zugleich ein Schrei um Hilfe, ein Appell um Beachtung. Selbstverletzung dient der Beruhigung, der Abfuhr von Wut, der Unterbrechung depressiver Leeregefühle. In der Regel kann man sagen, je heftiger die Selbstverletzung, desto schlimmer der seelische Schmerz und das Erlebte. Betroffene erzählen uns in der Beratung, dass, wenn sie mit starken Emotionen oder erdrückenden Situationen konfrontiert sind, sie die Selbstverletzung als Bewältigungsmittel wählen, weil es ihnen eine schnelle Erleichterung von der Angst und der Anspannung bringt.

 

Die Mädchen und jungen Frauen die sich selbst verletzen, neigen dazu, niedergeschlagen zu sein. Sie sind oft sehr unruhig und sensibel für Ablehnung. Selbstverletzung hilft ihnen, wenn auch nur kurzfristig, sich von intensiven Gefühlseindrücken und Empfindungen, wie Ärger und Wut, Traurigkeit, Einsamkeit, Scham, Schuld zu befreien.

 

Was erfahren wir in der Beratung über die Ursachen?

 

Körperliche und sexuelle Gewalterfahrung, seelische Vernachlässigung, schwierige Fa-milienverhältnisse, Entzug elterlicher Liebe, Trennungs- und Scheidungsdramen sind die Hauptgründe für das selbstverletzende Verhalten. Nicht selten mussten diese Kinder allzu früh selbstständig werden oder gar in eine Elternrolle schlüpfen wie zum Beispiel bei einer psychisch kranken Mutter. Ein schlimmes Ereignis kann zu seelischem Chaos führen. Bekommt man dann nicht die richtige Unterstützung, Fürsorge und mentale Stabilität der Eltern, muss das Kind alleine damit fertig werden. Oftmals kommt es dabei zu Gefühlen von Vernachlässigung und Wertlosigkeit. Oft auch werden die Ereignisse verdrängt, scheinbar vergessen. Auslösefaktoren für die Selbstverletzungen können dann schulisches Versagen, eine zu hohe Leistungsanforderung oder der Verlust einer wichtigen Person sein.

 

Selbstverletzendes Verhalten löst bei den Angehörigen, Freunden der Betroffenen vielfältige Reaktionen und Gefühle wie Angst, Schuld, Hilflosigkeit, Wut und manchmal auch Ekel aus.

 

 

Was raten wir?

 

Die meisten betroffenen Jugendlichen wünschen sich mehr Beachtung, Zeit, Anteilnahme und Anerkennung von den Elte dass diese sich für ihre Sorgen interessieren, ihnen mit Verständnis, Vertrauen und Unter-stützung begegnen. Andrerseits fühlen sich die Eltern, Erzieher oder sonstige wichtige Bezugspersonen durch das selbstverletzende Verhalten der Jugendlichen in die Enge ge-trieben, enttäuscht, überfordert oder hilflos.

 

In solchen Fällen können Erziehungsberatungsstellen Rat und Hilfe für die Betroffenen geben.

 

 

Für Eltern, Erzieher oder andere Bezugspersonen ist innerhalb der Beratung zunächst Aufklärung über das selbstverletzende Verhalten angezeigt. Ihr Kind ist weder krank noch verrückt. Reaktionen der Eltern wie Panik, Vorwürfe oder Drohungen helfen in diesen Fällen nicht, sondern können das selbstverletzende Verhalten noch ver-schlimmern. In einem zweiten Schritt ist der Beziehungsaufbau zum Jugendlichen ein zentraler Leitgedanke unserer Beratung. Ziel ist es, durch eine Verbesserung der familiären Beziehung, Entlastung für alle Beteiligten zu schaffen. Dabei Bedarf es Geduld und Stetigkeit in der Zuwendung, um das Gleichgewicht in der Beziehung zwischen den Betroffenen Jugendlichen und seiner/ihrer Bezugsperson aufzubauen bzw. wieder herzustellen. Eine sichere und stabile Beziehung in der Gegenwart stellt eine wichtige Voraussetzung dar, um Geschehnisse aus der Vergangenheit erfolgreich zu verarbeiten. Bei fortwährenden Selbstverletzungen ist therapeutische Hilfe dringend erforderlich.

 

Nach unserer Erfahrung stellt die Beratungsarbeit in Fällen von selbstverletzenden Verhalten eine effektive und wertvolle Hilfe für alle Betroffenen dar.

"Es ist wie eine Sucht, die man mit Hilfe von Beratung, viel Liebe und Zeit beheben kann." (Zitat einer Betroffenen)

 

Dieser Artikel wurde von der Beratungsstelle in Hermeskeil ( Bistum Trier) zur Verfügung gestellt.

Weitere Informationen im Internet unter: www.lebensberatung.info